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Walter Rauter | Praxiswissen | Fachbeitrag

Anpassung von Grenzwerten – Erlass des ZAI

Im Arbeitnehmerschutz sind Grenzwerte für gesundheitsgefährdende Arbeitsstoffe und physikalische Einwirkungen festgelegt. Der Arbeitgeber hat die Verpflichtung, erforderlichenfalls Maßnahmen zu treffen, um die Grenzwerte am Arbeitsplatz einhalten zu können. Falls trotz Ausschöpfung aller möglichen Maßnahmen die Einhaltung von Grenzwerten nicht möglich ist, darf nur unter Verwendung entsprechender persönlicher Schutzausrüstung gearbeitet werden.

Der überwiegende Teil der Grenzwerte wurde festgelegt unter der Annahme, dass ein Arbeitstag acht Stunden dauert und somit auch die Expositionszeit maximal acht Stunden pro Tag beträgt. Allerdings arbeiten viele Arbeitnehmer auch länger, zB durch Überstunden, im Schicht- oder Wechseldienst oder aufgrund von geblockten Arbeitszeiten.

Um den Schutz der Arbeitnehmer durch die Einhaltung von Grenzwerten dennoch gewährleisten zu können, ist bei Arbeitszeiten über acht Stunden eine entsprechende Anpassung von Grenzwerten erforderlich. Zu diesem Zweck ist der Erlass mit der Zahl BMASGK-461.308/0002-VII/A/4/2019 am 15. Februar 2019 in Kraft getreten. Dieser Erlass beschreibt, bei welchen Grenzwerten die Notwendigkeit einer Anpassung besteht, auf welche Weise diese Anpassung erfolgt und welche Konsequenzen dies für die Untersuchungspflichten nach der Verordnung über die Gesundheitsüberwachung am Arbeitsplatz 2017 – VGÜ 2017 hat.

Grenzwerte aus der Grenzwerteverordnung

Die Grenzwerteverordnung 2018 – GKV 2018 enthält vor allem in der Stoffliste in Anhang I Werte für die maximale Arbeitsplatzkonzentration (MAK-Werte) und für die technische Richtkonzentration (TRK-Werte) von gesundheitsgefährdenden Arbeitsstoffen. Diese Grenzwerte sind als Tagesmittelwerte (TMW) angegeben, für viele Stoffe existiert auch ein Kurzzeitwert (KZW). Für den Tagesmittelwert gilt gem § 4 Abs 1 Z 1 GKV „als Beurteilungszeitraum eine in der Regel achtstündige Exposition“.

Durch eine Verlängerung der Expositionszeit über acht Stunden pro Tag hinaus erfolgt bei resorptiven Arbeitsstoffen einerseits eine stärkere Anreicherung des Stoffes im menschlichen Organismus, andererseits nimmt die Erholungszeit ab, in der die aufgenommenen Stoffe so weit ausgeschieden werden, dass eine gesundheitliche Beeinträchtigung vermieden wird.

Um einer über acht Stunden hinausgehenden Exposition Rechnung zu tragen, wird mithilfe des Modells von Brief und Scala ein Reduktionsfaktor bestimmt, der auf den TMW anzuwenden ist. Der Reduktionsfaktor RF ergibt sich aus

Reg 1 Kap 13 Abb 1

oder durch Umformung vereinfacht aus

Reg 1 Kap 13 Abb 2

wobei h die Anzahl der Arbeitsstunden pro Tag ist.

Obige Formel stellt einen Kompromiss dar. Um eine genaue Berechnung unter Berücksichtigung des Wirkmechanismus durchführen zu können, sind Angaben über die biologische Ausscheidungsrate und Halbwertszeit für den betreffenden Arbeitsstoff erforderlich, die nicht immer verfügbar und oft schwer zu ermitteln sind. Darüber hinaus kann die individuelle Ausscheidungsrate einer Person stark von der typischen Ausscheidungsrate abweichen. Dies ist einer Vielzahl von Faktoren geschuldet, wie Alter, Geschlecht und Enzymausstattung. Eine solche genaue Berechnung würde somit einen weitaus höheren Aufwand bedeuten, ohne gleichzeitig die Sicherheit für die Arbeitnehmer zu erhöhen.

In der folgenden Tabelle sind einige Beispiele für Arbeitszeiten und resultierende Reduktionsfaktoren angeführt:

Arbeitszeit (h)

Reduktionsfaktor RF

8

1,00

8,5

0,91

9

0,83

9,5

0,76

10

0,70

10,5

0,64

11

0,59

11,5

0,54

12

0,50

Vorgangsweise

Um den angepassten Grenzwert für einen Arbeitsstoff zu erhalten, ist zuerst der Tagesmittelwert für diesen Arbeitsstoff aus der GKV zu bestimmen. Der TMW wird dann mit dem Reduktionsfaktor multipliziert, der sich nach Einsetzen der Tagesarbeitszeit aus obiger Formel ergibt.

Beispiel: Arbeitsstoffe

Die Tagesarbeitszeit beträgt 10 Stunden. Es wird unter der Einwirkung von Chlorwasserstoff gearbeitet. Aus der Formel für den Reduktionsfaktor (oder aus der Tabelle) ergibt sich ein Wert von 0,7. Die Stoffliste im Anhang I der GKV gibt einen Tagesmittelwert für Chlorwasserstoff von 5 ppm bzw 8 mg/m3 an. Durch Multiplikation mit 0,7 resultieren angepasste TMW von 3,5 ppm bzw 5,6 mg/m3.

Kurzzeitwerte

Für viele Stoffe legt die GKV zusätzlich zu den Tagesmittelwerten auch Kurzzeitwerte als Grenzwerte fest, dh, kurzzeitig können höhere Expositionen als der TMW zulässig sein. Bei den meisten Stoffen dürfen Kurzzeitwerte höchstens viermal 15 Minuten pro Schicht erreicht werden, wobei zur Beurteilung der Mittelwert (über die jeweiligen 15 Minuten) heranzuziehen ist. Die Stoffliste in Anhang I der GKV gibt für jeden Stoff den Beurteilungszeitraum, die maximale Häufigkeit der Ausnutzung der KZW pro Schicht und die Art der Beurteilung (Mittelwert oder Momentanwert) an.

Eine Anpassung der KZW an über acht Stunden hinausgehende Tagesarbeitszeiten ist nicht erforderlich. Die KZW der GKV sind somit unverändert anzuwenden.

Untersuchungen nach VGÜ

Arbeitsmedizinische Eignungs- und Folgeuntersuchungen sind nach § 49 Abs 1 ArbeitnehmerInnenschutzgesetz – ASchG dann durchzuführen, wenn aufgrund der Tätigkeit die Gefahr einer Berufserkrankung besteht. Ob diese Gefahr gegeben ist, hat der Arbeitgeber nach § 6a Abs 1 VGÜ durch eine Evaluierung zu ermitteln, die die Ergebnisse von Messungen und Bewertungen berücksichtigt. Ergibt eine repräsentative Messung, dass die tägliche Exposition gegenüber einem gesundheitsgefährdenden Arbeitsstoff die Hälfte des MAK-Wertes bzw ein Zwanzigstel des TRK-Wertes nicht überschreitet, so ist nach § 2 Abs 4 Z 2 und Abs 5 VGÜ die Durchführung von Eignungs- und Folgeuntersuchungen nicht erforderlich.

Beträgt die Tagesarbeitszeit jedoch überwiegend mehr als acht Stunden, so ist bei der Bestimmung der täglichen Exposition der entsprechende Reduktionsfaktor anzuwenden, dh der jeweilige Grenzwert (TMW) ist mit dem Reduktionsfaktor zu multiplizieren. Der sich daraus ergebende verminderte Grenzwert ist mit der gemessenen Exposition zu vergleichen. Wenn der Messwert über der Hälfte eines verminderten MAK-Wertes bzw über einem Zwanzigstel eines verminderten TRK-Wertes liegt, so sind ärztliche Untersuchungen nach § 2 Abs 1 VGÜ verpflichtend durchzuführen.

Grenzwerte aus der Verordnung Lärm und Vibrationen

Im Gegensatz zu den Grenzwerten der GKV sieht die Verordnung Lärm und Vibrationen – VOLV vor, dass die Expositionszeit in die Berechnung der Exposition miteingeht. Damit ist es nicht erforderlich, eine Anpassung von Grenzwerten durchzuführen. Das gilt sowohl für Lärm, als auch für Schwingungen.

Lärm

Die Exposition bei Lärm ist der mittlere energieäquivalente Dauerschallpegel über einen Arbeitstag, umgerechnet auf einen Zeitraum von acht Stunden bzw nach § 3 Abs 2 VOLV bei Lärm, der von einem Arbeitstag zum anderen erheblich schwankt, 40 Stunden (Beurteilungszeitraum). Falls die Tagesarbeitszeit weniger oder mehr als acht Stunden beträgt, ist eine Normierung auf den Beurteilungszeitraum durchzuführen. Dazu enthält die VOLV in Anhang A folgende Formel für die Bestimmung der Lärmexposition:

Reg 1 Kap 13 Abb 3

Dabei ist LA,EX,To die resultierende Exposition, die mit dem Grenzwert zu vergleichen ist.

LA,eq,Te ist der mittlere Dauerschallpegel, der auf den Arbeitnehmer während der Expositionszeit einwirkt.

Für Te (Expositionszeit) wird die eigentliche Tagesarbeitszeit in Stunden eingesetzt, in der der Arbeitnehmer exponiert ist, T  ist der Beurteilungszeitraum (acht oder 40 Stunden).

Lärmrechenprogramme, die für die Bestimmung der Exposition durch Addition von Teilexpositionen herangezogen werden können und zB im Internet verfügbar sind, führen eine Normierung auf acht bzw 40 Stunden automatisch durch. Daher ist auch hier bei Tagesarbeitszeiten über acht Stunden keine Anpassung der Grenzwerte erforderlich.

Vibrationen

In Anhang B der VOLV finden sich die entsprechenden Normierungsformeln für die Expositionsberechnung von Hand-Arm-Vibrationen

Reg 1 Kap 13 Abb 4

und von Ganzkörpervibrationen

Reg 1 Kap 13 Abb 5

deren Ergebnisse für den Grenzwertvergleich herangezogen werden können.

ahw,Te bzw aw,Te ist die mittlere Schwingbeschleunigung, die auf den Arbeitnehmer während der Expositionszeit einwirkt.

Für Te (Expositionszeit) wird wie beim Lärm die Tagesarbeitszeit in Stunden eingesetzt, in der der Arbeitnehmer exponiert ist.

Beispiel: Lärm

Es wird angenommen, dass in einem Betrieb an einem Arbeitsplatz ein durch Produktionsmaschinen hervorgerufener konstanter Schallpegel von 79 dB(A) herrscht. Bei einer Acht-Stunden-Schicht an diesem Arbeitsplatz beträgt die Exposition (gemittelter, auf acht Stunden bezogener Dauerschallpegel) dann ebenfalls 79 dB(A). Wenn die Schicht aber zwölf Stunden dauert, ergibt sich aus obiger Formel eine Korrektur von +1,76 dB(A) und damit eine Exposition von 80,76 dB(A), also knapp über dem Auslösewert.

An dem Beispiel ist erkennbar, dass eine Verlängerung der Tagesarbeitszeit bei in etwa konstantem Lärmpegel relativ geringe Auswirkung auf die Gesamtexposition hat. Daher wird es durch eine Arbeitszeitverlängerung über acht Stunden hinaus lediglich in jenen Bereichen zu einer Überbelastung durch Lärm kommen, in denen schon vorher die Exposition nur knapp unter dem Grenzwert lag.

Grenzwerte aus der Verordnung optische Strahlung

Die meisten Grenzwerte, die die Verordnung optische Strahlung – VOPST enthält, enthalten einen zeitabhängigen Faktor. Da dadurch die Höhe des Grenzwertes von der Expositionszeit mitbestimmt wird, ist es für diese Grenzwerte nicht erforderlich, einen Korrekturfaktor für Expositionszeiten von mehr als acht Stunden einzuführen.

Für einige Grenzwerte ist für die Expositionszeit ein Zeitbereich festgelegt, in dem der jeweilige Grenzwert gültig ist. Wenn der maximale Gültigkeitsbereich (längste zulässige Expositionszeit) durch eine verlängerte Tagesarbeitszeit überschritten wird, kann der für eine bestimmte Expositionszeit passende Grenzwert berechnet werden. Dazu wird der für die längste Expositionszeit verfügbare Grenzwert herangezogen und ein Korrekturfaktor bestimmt. Da sich Lichtintensität und Expositionszeit bei gleichbleibendem physischem Schädigungsgrad indirekt proportional verhalten (Dosiswirkung), ergibt sich der Korrekturfaktor K für einen Grenzwert, mit der Forderung, dass das Produkt aus Intensität und Zeit konstant bleiben muss, zu

K = tG/tE

tG … (max) Bestrahlungszeit, für die der Grenzwert gilt

tE … Expositionszeit

Der jeweilige Grenzwert ist mit dem Korrekturfaktor zu multiplizieren.

Folgende Expositionsgrenzwerte der VOPST sind gegebenenfalls zu korrigieren:

  • Grenzwerte für inkohärente Strahlung (alle Quellen ausgenommen Laser) in den Zeilen a und b der Tabelle A.3 (es handelt sich hier um 8-Stunden-Werte) im Anhang A, und
  • Grenzwerte für kohärente Strahlung (Laserstrahlung) in der letzten Spalte der Tabellen B.4c, B.4d und B.4e (Werte für eine Bestrahlungsdauer von max 8,33 Stunden) im Anhang B.

Beispiel: Optische Strahlung

Ein Arbeitnehmer hat eine Tagesarbeitszeit von 10 Stunden und ist während der gesamten Zeit durch einen UV-A-Laser bestrahlt. Der Grenzwert nach Tabelle B.4c beträgt 104 Jm–2, jedoch gilt dieser für eine Bestrahlungsdauer von max 30.000 s (= 8,33 h). Daher beträgt der Korrekturfaktor 8,33: 10, also ca 0,83. Der Grenzwert reduziert sich auf 0,83 x 104 Jm–2.

In Tabelle A.4 zu den Risikogruppen für Lampen ist zu beachten, dass Lampen der Risikogruppe 0, die UV-A-, UV-B- und UV-C-Strahlung abgeben (letzte Zeile der RG 0), nur bis zu einer Bestrahlungsdauer von 8 h 20 min als sicher betrachtet werden können. Falls die Bestrahlungsdauer über diesem Wert liegt, muss eine genauere Evaluierung, zB durch Ermittlung der effektiven Bestrahlungsstärke der Lampe, erfolgen.

Grenzwerte aus der Verordnung für elektromagnetische Felder

Die Grenzwerte für elektromagnetische Felder sind im Bereich der nicht-thermischen Wirkung (Nervenreizwirkung) Momentanwerte, dh, sie dürfen zu keiner Zeit überschritten werden. Im Bereich der thermischen Wirkung (Gewebserwärmung) ist eine Mittelwertbildung über lediglich sechs Minuten erforderlich. In beiden Fällen ist somit eine Korrektur von Grenzwerten wegen einer Exposition, die über acht Stunden hinausgeht, nicht erforderlich.