Dokument-ID: 671821

WEKA (msc) | Praxiswissen | Fachbeitrag

Sicherheit bei automatischen Türsystemen

Einleitung

Automatische Türsysteme stellen eine Gefahrenquelle dar, die seitens des Betreibers zum Schutz aller Personen abzusichern ist. Für den Betrieb von automatischen Türsystemen besteht eine Verkehrssicherungspflicht. Der Betreiber hat den ordnungsgemäßen Zustand und die Sicherheit eigener Türsysteme zu gewährleisten und den aktuellen Stand der Technik zu erfüllen. Verstöße dagegen führen zu einer Betreiberhaftung.

Das ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) fordert darüber hinaus entsprechende Sicherungsmaßnahmen zum Schutz von ArbeitnehmerInnen.

§ 3. ArbeitnehmerInnenschutzgesetz

(1) Arbeitgeber sind verpflichtet, für Sicherheit und Gesundheitsschutz der Arbeitnehmer in Bezug auf alle Aspekte, die die Arbeit betreffen, zu sorgen.
Die Kosten dafür dürfen auf keinen Fall zu Lasten der Arbeitnehmer gehen.

Arbeitgeber haben die zum Schutz des Lebens, der Gesundheit erforderlichen Maßnahmen zu treffen, einschließlich der Maßnahmen zur Verhütung arbeitsbedingter Gefahren, zur Information und zur Unterweisung sowie der Bereitstellung einer geeigneten Organisation und der erforderlichen Mittel.

(2) Arbeitgeber haben sich unter Berücksichtigung der bestehenden Gefahren über den neuesten Stand der Technik und der Erkenntnisse auf dem Gebiet der Arbeitsgestaltung entsprechend zu informieren.

Herstellerseitig gelten die Grundsätze für die Integration der Sicherheit gemäß Maschinensicherheits-verordnung 2010 (MSV 2012):

1.1.2 Integration der Sicherheit (Auszug)

[…] b) Bei der Wahl der angemessensten Lösungen muss der Hersteller oder sein Bevollmächtigter folgende Grundsätze anwenden, und zwar in der angegebenen Reihenfolge:

  • Beseitigung oder Minimierung der Risiken so weit wie möglich (Integration der Sicherheit in Konstruktion und Bau der Maschine);
  • Ergreifen der notwendigen Schutzmaßnahmen gegen Risiken, die sich nicht beseitigen lassen;
  • Unterrichtung der Benutzer über die Restrisiken aufgrund der nicht vollständigen Wirksamkeit der getroffenen Schutzmaßnahmen; Hinweis auf eine eventuell erforderliche spezielle Ausbildung oder Einarbeitung und persönliche Schutzausrüstung. […]

Normung

Für automatische Türsysteme sind insbesondere seitens der Hersteller zahlreiche Normen zu beachten. Der Betrieb von automatischen Türsystemen wird unter anderem in folgenden Normen berücksichtigt:

  • DIN 18650-1:2010 06 Automatische Türsysteme – Teil 1: Produktanforderungen und Prüfverfahren
  • DIN 18650-2:2010 06 Automatische Türsysteme – Teil 2 Sicherheit an automatischen Türsystemen
  • ÖNORM EN 16005:2012 12 01 Kraftbetätigte Türen – Nutzungssicherheit – Anforderungen und Prüfverfahren
  • ÖNORM EN 349: 2008 09 01 Sicherheit von Maschinen – Mindestabstände zur Vermeidung des Quetschens von Körperteilen

Gefahren bei automatischen Türsystemen

Automatische Türsysteme bergen eine Verletzungsgefahr, die im besonderen Maße für Kinder besteht, da diese von vielen Sensoren (insbesondere nach einem Sturz) nicht erfasst werden. Im Folgenden soll auf das mögliche Gefahrenpotential der einzelnen Systembauarten eingegangen werden:

Automatische Schiebetüren

  • An- oder Umstoßen einer Person beim Öffnen/Schließen der Schiebetür
  • Scheren oder Quetschen beim Öffnen der Schiebetür
  • Einziehen beim Öffnen der Schiebetür
  • Einzwängen beim Schließen der Schiebetür
Schiebetur

Automatische Drehtüren

  • An- oder Umstoßen einer Person beim Öffnen/Schließen der Drehtür
  • Quetschen beim Öffnen/Schließen der Drehtür
  • Einziehen beim Unterfassen der Drehtür
Drehtur

Automatische Karusselltüren

  • Quetschen und Einziehen zwischen Hauptschließkante und Gegenschließkante der Karusselltür
  • Einziehen beim Untergreifen der Karusselltür
Karusselltur

Absicherungen von Gefahrenstellen

Technische Sicherungsmaßnahmen

Ein Mittel zur Sicherung der Gefahrenstellen an automatischen Türsystemen sind technische Sicherungsmaßnahmen. Insbesondere sind hier zu nennen:

  • Lichtschranken
  • Anwesenheitssensoren
  • Sensorleisten
  • Schutzflügel
  • Fingerklemmschutz

Sicherheitsabstände

Auch die Einhaltung von Sicherheitsabständen mindert das Gefahren- und Unfallrisiko bei automatischen Türsystemen. Mindestabstände bestehen zu jeweils verschiedenen Körperbereichen:

  • Kopf (horizontal) ≥ 500 mm
  • Kopf (vertikal) ≥ 300 mm [≥ 200 mm]
  • Hand ≥ 100 mm
  • Finger ≥ 25 mm

Kennzeichnungen

Gefahrenstellen an automatischen Türsystemen sind zu Kennzeichen, zB:

  • Kennzeichnung von durchsichtigen Türflügeln oder Türoberflächen auf Augenhöhe (s. § 7 Arbeitsstättenverordnung bzw DIN 18650-2)
  • Kennzeichnung von Panikschwenkflügeln (s. DIN 18650-1)

Risikoanalyse

Um die Gefahren eines automatischen Türsystems zu beurteilen und entsprechende Maßnahmen festzulegen sollten die folgenden Punkte geklärt werden:

  1. Wie hoch ist das Gefahrenpotential der Anlage? Welche Gefährdungen bestehen beim derzeitigen Ist-Zustand der Anlage?
  2. Wie ist der aktuelle Stand der Technik? Müssen gegebenenfalls bisher akzeptierte Gefährdungen aufgehoben werden?
  3. Ist eine Nachrüstung der Anlage erforderlich bzw ist der Ist-Zustand der Anlage noch akzeptabel?
  4. Ist die Nachrüstung effizient genug um die Gefährdung aufzuheben bzw ist die Nachrüstung so überhaupt durchführbar?
  5. Wie hoch sind die Kosten für die Nachrüstung? Ist eine komplette Erneuerung evtl. günstiger?

Nachrüstung bestehender Anlagen

Betreffend einer Nachrüstung bestehender automatischer Türsysteme ist zunächst die Forderungen aus dem ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) zu berücksichtigen, dass solche Arbeitsmittel ausgewählt werden müssen, die nach dem Stand der Technik die ArbeitnehmerInnen so wenig wie möglich gefährden. Das bedeutet, dass zum Zeitpunkt der Auswahl des Türsystems eine unbedingte Verpflichtung für die ArbeitgeberInnen besteht, den aktuellen Stand der Technik zu berücksichtigen, aber nicht, dass dieser ständig durch Nachrüstung aufrecht zu erhalten ist.

§ 33 ArbeitnehmerInnenschutzgesetz

(5) Arbeitgeber haben bei der Auswahl der einzusetzenden Arbeitsmittel die besonderen Bedingungen und Eigenschaften der Arbeit sowie die am Arbeitsplatz bestehenden Gefahren für die Sicherheit und Gesundheit der Arbeitnehmer und die Gefahren, die aus der Benutzung erwachsen können, zu berücksichtigen. Es dürfen nur Arbeitsmittel eingesetzt werden, die nach dem Stand der Technik die Sicherheit und Gesundheit der Arbeitnehmer so gering als möglich gefährden.

ArbeitgeberInnen sind allerdings dazu verpflichtet Arbeitsmittel, wie automatische Türsysteme, in regelmäßigen Abständen überprüfen zu lassen. Rechtliche Grundlage hierfür ist die Arbeitsmittelverordnung (AM-VO), in der auch die minimalen Anforderungen an Prüfungen und Prüfer zu finden sind.

§ 8 Arbeitsmittelverordnung

(1) Folgende Arbeitsmittel sind mindestens einmal im Kalenderjahr, jedoch längstens im Abstand von 15 Monaten, einer wiederkehrenden Prüfung zu unterziehen: […]

9. kraftbetriebene Türen und Tore, […]

Wird während einer solchen wiederkehrenden Prüfung durch einen Prüfer ein Sicherheitsmangel festgestellt, zB durch das Fehlen einer Schutzeinrichtung, ist dies von den ArbeitgeberInnen in der Evaluierung jedenfalls zu berücksichtigen. Die weitere Vorgehensweise findet sich in § 3 der Arbeitsmittelverordnung.

§ 3 Arbeitsmittelverordnung

(4) […] Ergibt diese Überprüfung eine Gefahr für ArbeitnehmerInnen, haben die ArbeitgeberInnen geeignete Maßnahmen zum Schutz des Lebens und der Gesundheit der ArbeitnehmerInnen zu ergreifen. Erforderlichenfalls ist das Arbeitsmittel stillzulegen und von der weiteren Benutzung auszuschließen.

Schadensfall

Um abzuschätzen, ob für den Betreiber eine Haftungssituation vorliegt, sind einige Fragen zu klären. Wichtig ist zu aller erst, dass das Türsystem zum Zeitpunkt des In-Verkehr-Bringens dem aktuellen Stand der Technik, also den gültigen Richtlinien und/oder Normen entsprochen hat. Darüber hinaus ist entscheidend, ob die geforderten Wartungen und Überprüfungen durchgeführt und entsprechend sachkundige Personen damit betraut wurden (vgl. §§ 7 und 8 AM-VO, hinsichtlich der Dokumentation § 11 AM-VO). Sind während solcher Prüfungen Mängel aufgezeigt worden, muss nachgewiesen werden, dass diese entsprechend beseitigt wurden. Auch Hinweise auf mögliche Gefahrenstellen müssen nachweislich vorhanden gewesen sein. Falls der Schadensfall auf einen Mangel am Türsystem zurückzuführen ist, sind zuletzt zwei Fragen entscheidend:

  1. Hätte der Schadensfall durch eine Nachrüstung verhindert werden können?
  2. Hat der Betreiber die Beseitigung aller bestehenden Mängel umgehend veranlasst?